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26.09.2025

Sich beheimaten [Serie «Zuhause» – Teil 6/6]

Meine Blog-Serie zur Frage «Wo bin ich eigentlich zu Hause?» möchte ich mit einem sechsten Post zum Thema Beheimatung abschliessen und für mich wichtige Gedanken aus der Serie in vier Punkten und mit einem kurzen Résumé aus philosophischem Blickwinkel zusammenfassen. 

Früher verband man Heimat mit dem Ort oder dem Land, an dem man als Kind gelebt hat und aufgewachsen war. Das traditionelle Heimatverständnis ist statisch und emphatisch. Vilém Flusser warf diesem Heimatverständnis eine «Sakralisation von Banalem» vor, er sah es durch Instrumentalisierung und Nationalismus kontaminiert (vgl. Serie: Teil 5). Heute im Zeitalter von Individualisierung und Globalisierung, da sich einerseits Wohn- und Arbeitsort mehr und mehr entkoppeln, andererseits die Digitalisierung die Welt zu einem einzigen Dorf macht, können wir Heimat flexibler und relaxter verstehen. Vielleicht ist Heimat einfach dort, wo wir uns zu Hause fühlen – und das muss nicht unbedingt ein Ort oder ein Land, das kann durchaus auch eine Gruppe, ein Hobby, ein Klang oder ein Geruch sein. Zugespitzt könnte man sagen: Früher sprach man von Heimat, heute von Beheimatung. Die Psychologin Beate Mitzscherlich definiert Sich-Beheimaten als «ständiger und möglicherweise lebenslanger Prozess, der mit der Aneigung und Gestaltung von Orten, sozialen Beziehungen, kulturellen Orientierungen und Herstellung von subjektivem Sinn zu tun hat» (Mitzscherlich 2000: 138). Beheimatung als Prozessbegriff macht deutlich, dass hier nicht ein stationärer, sondern ein temporärer Zustand gesucht wird, der durch äussere und innere Ereignisse jederzeit beeinflusst – ermöglicht, gefördert, erschwert, verunmöglicht – werden kann. Die Frage nach dem Zu-Hause-Sein zielt eigentlich nicht auf einen geographischen Ort, sondern auf ein Gefühl des Zu-Hause-Seins – also darauf, was oder wem ich mich innerlich verbunden fühle. Erst wenn sich eine emotionale Verbindung mit einem Ort, einer Gruppe etc. einstellt, kann man von Zuhause sprechen – also von einem Gefühl des Sich-heimisch-Fühlens. So gesehen hat der Prozess des Sich-Beheimatens eine neurobiologische Grundlage: Emotionale Erlebnisse, die ich mit ‹Zuhause› verbinde, werden stark und wiederholt als Erinnerungen im Hippocampus sowie im emotionalen Erfahrungsgedächtnis der Amygdala gespeichert.

Ich möchte vier Merkmale des Beheimatens ausführen, die nach meiner Einschätzung Aufmerksamkeit verdienen:

1. Sich-Beheimaten ist ein bilateraler und reziproker Prozess, er beruht auf Wechselwirkung, sozialer Resonanz und Reziprozität (Gegenseitigkeit). Der Prozess des Sich-Beheimatens hängt von inneren und äusseren Bedingungen ab. Innere Bedingungen sind psychische, soziale und kulturelle Ressourcen, über die eine Person verfügt. Wer sich beheimatet, ist in der Lage, seine Ressourcen zu aktivieren, in den soziokulturellen Kontext einzubringen, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Man kann aber auch fremd bleiben in seiner Familie, an seinem Wohnort, in seiner Region etc. Es kann auch sein, dass man sich gar nicht beheimaten will, da man an diesem Ort unfreiwillig ist. Äussere Bedingungen sind bei Migranten deutlicher zu spüren als bei Inländern. Die Situation des Sich-Beheimatens ist insofern anders, als dass sie nach der Migration (meist in einem späteren Lebensalter) quasi ein zweites Mal mit der Aufgabe konfrontiert sind, sich zu beheimaten – diesmal im Gast-Land. Gast-Länder haben unterschiedliche politische, rechtliche, berufliche, soziale, nachbarschaftliche u. a. Bedingungen, um Zuwanderer zu integrieren. Indikatoren für die Integrationsbereitschaft sind interkulturelle Angebote, faire und inkludierende Berufsmöglichkeiten, die Einbürgerungspraxis, das Stimmrecht u. a. – metaphorisch gesprochen alles Brücken, die dem Zuwanderer das Ankommen im Gast-Land und schlussendlich das Sich-Beheimaten erleichtern. Dass die äusseren Bedingungen in einem partizipativ-demokratisch geprägten und interkulturell offenen Land eher optimal sind, um sich als Zuwanderer zu beheimaten, liegt auf der Hand. Wie kann ich mich aber in einem autokratischen Land beheimaten? Einem Staat, welcher Recht korrumpiert, willkürlich handelt, kulturelle Werte zerstört, Menschenrechte missachtet, keine Freiheit zulässt? In einer Autokratie kann man sich kaum beheimaten, ohne sich gleichzeitig zum Mitläufer oder -täter zu machen. Beheimatung findet darum in einem sehr engen Rahmen statt: zum Beispiel (wie ich es aus der ČSSR kenne) in der Chata – das Wochenendhaus als gepäppelter Rückzugsort, an dem jene Freiheit und Selbstbestimmung erfahrbar wurden, die im offiziellen System nicht existierten. 

2. Der Prozess des Sich-Beheimatens ist reversibel, er kann wieder umgekehrt werden: Man kann sich einem Zuhause auch wieder entfremden bzw. entheimaten. Das kann durch äussere oder innere Ereignisse geschehen. Es kann passieren, dass ich mich in meinem Zuhause nicht mehr zu Hause fühle, sich die Beheimatung mehr oder weniger stark abschwächt (vgl. Serie: Teil 3 zu Solastalgie). Emotionale Erinnerungen im Hippocampus und in der Amygdala können zwar nicht gelöscht, aber durch neue Bedeutungen und Erlebnisse abgeschwächt oder überschrieben werden. Entheimatung kann äusserlich durch Kriege, Politikwechsel, Vertreibung, Verschleppung, Verbannung oder auch Umweltkatastrophen ausgelöst werden. Es ist anzunehmen, dass die neurobiologische ‹Speicherung› auch der Grund dafür ist, dass Entheimatungsprozesse schmerzhaft sind und mit Nostalgie (dem Morbus helveticus, vgl. Serie: Teil 2) verbunden sind.

3. Der Prozess des Sich-Beheimatens ist multipel: Man kann sich auch in zwei und mehr Sprachen oder Kulturen zu Hause fühlen bzw. sich beheimaten. Wie ich bereits ausgeführt habe (vgl. Serie: Teil 1), finde ich die Rede von Sich-Verwurzeln bzw. Entwurzeltwerden schief: Wir Menschen können nicht mit wurzelbildenden Pflanzen verglichen werden. Statt der schiefen botanischen Metapher finde ich eine nautische Metapher adäquater: Wie Schiffe sind Menschen dazu in der Lage, mehrere Ankerplätze oder Liegestellen anzulaufen und dort für längere oder kürzere Zeit zu ankern. Ich kann mich durchaus an mehreren Ankerplätzen beheimaten. Im Zeitalter der Digitalisierung kann sich ein Ankerplatz auch im Digitalen beispielsweise in einer Online-Community finden.

4. Sich-Beheimaten ist nicht zuletzt ein sensorischer Prozess. Heimat bzw. Zuhause muss geschmeckt, gerochen, ertastet und erhört werden, damit es zum Ankerplatz werden kann («Wie riecht deine Heimat?» – vgl. Serie: Teil 1). Beheimatung ist ein höchst sensorischer Vorgang. Und der Prozess der Beheimatung kann so auch ‹sensorisch scheitern› – nämlich dann, wenn ein möglicher Ankerplatz nicht schmeckt, schlecht riecht, sich nicht ertasten lässt oder schrill tönt. Auch das hat seine neurobiologische Grundlage. Aufgrund der sensorischen Reduktion haben digitale Ankerplätze sicher einen klaren Nachteil gegenüber analogen Ankerplätzen.

Ich möchte meine Ausführungen aus philosophischem Blickwinkel abschliessen:

Der Prozess des Sich-Beheimatens hat immer auch mit der Konstruktion von subjektivem Sinn zun tun (vgl. Mitzscherlich 2000). Sich-Beheimaten ist so gesehen immer auch ein Sinngebungsprozess. Mit der Verankerung in einem Zuhause suchen wir Orientierung und einen Sinnzusammenhang, der das eigene Dasein als sinnvoll erscheinen lässt. Und da unsere Welt-Beziehung immer leiblich vermittelt ist, müssen wir Sinne bzw. Sensorik unbedingt mitdenken. Im Sinngebungsprozess des Sich-Beheimatens erfahren wir mit allen Sinnen, wo wir uns zu Hause fühlen und ankern können. Das heisst aber auch: Relevant ist, dass ich mich – überhaupt – beheimate. Denn: ohne Beheimatung keine Sinngebung.

Für die Serie benutzte Literatur:
Glenn Albrecht et al. (2007): Solastalgia: the distress caused by environmental change. In: Australasian Psychiatry: Bulletin of Royal Australian and New Zealand College of Psychiatrists. 15 Suppl 1, 2007, S. 95–98.
Barbara Cassin (2023). Nostalgie Wann sind wir wirklich zuhause? Suhrkamp.
Vilém Flusser (1992). Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit. In: Bodenlos: eine philosophische Autobiographie, S. 247–264. Bollmann.
Hein de Haas (2023). Migration. 22 populäre Mythen und was wirklich hinter ihnen steckt. Fischer.
Beate Mitzscherlich (2000). «Heimat ist etwas, was ich mache»: Eine psychologische Untersuchung zum individuellen Prozess von Beheimatung (2. Aufl). Centaurus.
Jörg Müller (1973): Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft. Sauerländer.
Johanna Spyri (2024; 1880/81): Heidi. Lehr- und Wanderjahre. Diogenes.

Pavel - 10:21 @ Philo-Blog | Kommentar hinzufügen

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