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Hier finden sich meine Blogposts aus den Jahren 2024 und 2025. Mein Blog ist ab Anfang 2026 umgezogen auf: blog.sinnkultur.art



24.08.2025

Der heimatlose Flusser [Serie «Zuhause» – Teil 5/6]

Ein Auslöser meiner Beschäftigung mit der Frage «Wann sind wir wirklich zu Hause?» war die Lektüre von Vilém Flussers Essay «Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit» (1991), der auf einem Referat im August 1985 fusst. Flusser bot sich mir als Migrant förmlich an, da er sich in einigen Beiträgen immer wieder zu Migration und Heimat Gedanken gemacht hatte. Als Jude hatte Flusser seine Heimatstadt Prag 1939 im letzten Moment vor den Nazi-Schergen nach London verlassen und war dann weiter Richtung Brasilien emigriert. Nach über dreissig Jahren reemigrierte er 1972 zurück nach Europa und nahm Wohnsitz im provenzalischen Dorf Robion am Fusse des Luberon. Speziell: Flusser starb 1991 in einem Autounfall auf dem Nachhauseweg von einem Referat in seiner Geburtsstadt.

Statt einen alternativen Heimatbegriff zu entwickeln (von «Heimat 1.0» zu «Heimat 2.0»), endet Flussers Gedankengang in der Pointe, dass Menschen gar keine Heimat brauchen, ja dass sie sich in der Heimatlosigkeit einrichten sollen. Flusser reibt sich begreiflicherweise stark am nationalistisch-exklusiven Heimatbegriff seiner Zeit. Seine Darlegungen gehen stark von seinen eigenen Migrationserfahrungen aus und beschreiben seine Migration als eine Kappung der Fasern, die ihn mit seiner Heimatstadt Prag verbanden, als schmerzhaften chirurgischen Eingriff in «sein Intimstes». Migration reisst Betroffene aus ihrer «ontologischen Sicherheit», wie der Soziologe Anthony Giddens sagt. In Flussers Fall kam aber erschwerend dazu, dass er Vater, Mutter und Schwester, die er nicht zur Flucht überreden konnte, in Prag zurückliess und die ganze Familie im Holocaust ermordet wurde. Flusser fühlte sich deswegen schuldig und spielte lange Jahre mit Suizidgedanken.

In seinem Essay skizziert Flusser eine eigentümliche Dichotomie: In seinem Konzept gibt es entweder Sesshafte oder Migranten (Nomaden) bzw. Beheimatete oder Wohnende. Beheimatete sind Sesshafte, die an die Heimat glauben. Heimatlose sind Migranten, die Heimat als Fessel verworfen haben und in der Freiheit leben. Migranten bzw. Heimatlose können irgendwo wohnen, ohne dort beheimatet zu sein. Sie sind damit frei, um Verantwortung für den Nächsten übernehmen zu können. Im weiteren Verlauf seines Gedankengangs weitet Flusser seine eigene Migrationserfahrung aus und macht sie zur Avantgarde dessen, was seiner Einschätzung nach die Menschheit in der Zukunft erwarte: das Ende der Sesshaftigkeit und einen Übergang in ein neues Nomadentum.

Doch warum sollen Werte wie Freiheit und Verantwortung für den Nächsten nur in der Heimatlosigkeit möglich sein? Kulturanthropologisch versteht Flusser Heimat als eine Funktion der Sesshaftigkeit. Der Mensch sei schon lange ein wohnendes Wesen gewesen, bevor ein beheimatetes geworden sei. Heimat habe eine «geheimnisvolle Verwurzelung in infantilen, fötalen und transindividuellen Regionen der Psyche», sei eine Verstrickung, aus der man sich lösen müsse, um in die Heimatlosigkeit und damit in die Freiheit zu gelangen. Provokativ dreht Flusser das übliche Verhältnis um: Statt sich an einem Ort zu «beheimaten», gelte es «Wohnung zu beziehen» in der Heimatlosigkeit. Wie bei einem Tauschtrick behauptet Flusser, man könne die Heimat auswechseln, oder keine haben, aber man müsse immer, gleichgültig wo, wohnen. Heimat sei nichts als eine von Geheimnissen umwobene Wohnung, eine «Sakralisation von Banalem».

Flussers angesichts der damaligen Zeit verständlicher Trick überzeugt mich nicht: Indem er den Heimatbegriff (den er anscheinend nur nationalistisch-exklusiv verstehen kann) ganz verwirft, schüttet er das Kind mit dem Bade aus. Ein Zuhause (auch Flussers Wohnung) kann nicht ohne einen Ortsbezug, ohne ein minimales Territorium auskommen. Flusser blendet in seinen Überlegungen die räumlich-leibliche und sensorische Dimension von Zuhause bzw. Heimat aus. Seine Heimatlosigkeit wirkt darum wie eine aseptische Sphäre oberhalb der Sauerstoffgrenze, in deren ‹Höhe› lebenswichtige Organe nicht mehr versorgt werden. Heimatlosigkeit ‹riecht› nicht.

Flussers kühne Prognose, dass die Sesshaftigkeit der Menschheit endet, hat sich nicht bewahrheitet. Wir mögen heute digitale Nomaden sein, aber die aktuellen Mobilitätsmuster sind weit entfernt von klassischem Nomadentum – sie sind geprägt von Arbeitspendlern, einer neuen Wanderlust und einer anscheinend nicht zu bremsenden Vielfliegerei, wobei unser Wohnort in der Regel konstant bleibt. Auch die aktuell von gewissen Stimmen verbreitete Meinung, dass es noch nie so viel Migration gab wie heute, übersteht den Empirie-Test nicht. Die Daten zeigen, dass der Anteil von Migranten in Relation zur Weltbevölkerung seit Jahrzehnten relativ konstant bleibt (vgl. Hein de Haas 2023). Da die Weltbevölkerung weiterhin wächst, gab es folglich auch noch nie so viele Sesshafte wie heute.

Flusser ist noch einem anderen Sinne dichotomisch: Für ihn gibt es – ohne Übergänge oder Zwischenformen – nur Heimat oder Wohnung. Jede Wohnung ist jedoch Teil eines grösseren Kontexts: eines Hauses, einer Ortschaft, einer Region etc. Anstelle von Wohnung würde ich von Zuhause reden – die territorial-soziale Entität, in der sich Menschen von innen heraus konzentrisch in einem immer grösseren Kontext (Ort – Region – Land bzw. Familie – Verwandte – Freunde – Berufs-Netzwerke) beheimaten (können). Dieses Heimisch-Werden ist kein automatischer, aber aus anthropologischem Blickwinkel typischer und universeller Prozess in jedem individuellen Leben. Er ist aber vulnerabel, da er durch innere und äussere Ereignisse verlangsamt oder verhindert werden kann.

Fazit: Heimatlosigkeit ist keine Alternative zur «Heimat 1.0», weil wir in der Heimatlosigkeit nicht heimisch werden können. Flussers Konzept von Heimatlosigkeit hat etwas Streng-Heroisches, fast Inhumanes. Ein Zuhause muss auch territorial sein. Ich will in meinem Zuhause sitzen und schlafen können. Dafür reicht im Minimum auch eine Ein-Zimmer-Wohnung, aber ich muss mich in ihr zu Hause fühlen. Im Moment tönt das noch wie ein Rückzug in biedermeierliche Häuslichkeit – mehr dazu und zum Prozess der Beheimatung im nächsten Post.

Pavel - 09:39 @ Philo-Blog | Kommentar hinzufügen

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