Sinnkultur
 

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Dies ist der Blog von Pavel Novak. Er enthält Beiträge zu aktuellen Themen und manchmal auch Ad-hoc-Gedanken. Dr. Pavel Novak ist Philosoph, Germanist und Bildungswissenschaftler. Seit 2023 ist er in der eigenen Firma Sinnkultur GmbH unterwegs. Seine Schwerpunkte sind Kulturphilosophie, Digitalisierung, Medienethik bzw. Digitale Ethik und Bildung. Er betreut Lehraufträge an Hochschulen, gibt Kurse in der Berufswelt und moderiert philosophische Cafés. česky



22.07.2025

Ist die Frage nach dem Zuhause virulent? [Serie «Zuhause» – Teil 4/6]

Während der Sommerpause hat sich meine Beschäftigung mit der Frage nach dem Zu-Hause-Sein ausgeweitet, sie nimmt kein Ende, und es stossen weitere neue Aspekte dazu. Folge: Der Beitrag ist zu einem Manus von über 3000 Wörtern angewachsen… Das ist kein Post mehr. Und das Manus lässt sich nur bedingt in Post-Häppchen aufteilen. Ich versuche trotzdem, so gut es geht, hier im Blog kurze Einblicke in Post-Portionen zu geben.

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Ist die Frage Wann sind wir wirklich zu Hause? virulent?
Oder: Für wen könnte die Frage virulent sein? Und warum?

In der Sommerpause hatte ich die Gelegenheit, einige Menschen mit meiner aktuellen Frage zu konfrontieren. Dabei fiel mir auf, dass wenige Gesprächspartner auf meine Frage, wo bist du wirklich zu Hause, rundheraus eine Antwort wussten. Die meisten führten mit ihren Antworten ein Eiertanz auf. Oder ich bekam das Feedback: «Das ist keine Frage, die ich wichtig finde.» Ich ging also in mich und fragte mich, warum die Frage nach dem Zu-Hause-Sein bzw. nach Heimat für mich persönlich virulent sein könnte.

Kurzantwort: Ich bin Migrant.

Langantwort: Vielleicht wirkt die Frage nach dem Zu-Hause-Sein im Zeitalter des Comebacks obszöner Geopolitik als wenig dringlich, vielleicht sogar als schnuckelige Luxus-Thematik. Ich persönlich finde sie sowohl philosophisch relevant, da sie zentrale Themen der Philosophie berührt, als auch für mich persönlich virulent. Die Selbstverständlichkeit, mit der man in der ländlichen Deutschschweiz von Heimat sprechen mag, fehlt in meinem Herkunftsland Tschechien, sie wirkt vielleicht auch etwas naiv. Sie fehlt auch im Nachbarland Deutschland, das im letzten Jahrhundert viele historische Brüche erlebt bzw. erlitten hat. Gerade in Deutschland, wo der Heimat-Begriff romantisiert und in der Nazizeit politisch entstellt wurde, hat er seine naive Selbstverständlichkeit spätestens nach 1945 verloren. «Heimat ist nichts mehr, was sich innerhalb geographischer, ökonomischer oder juristischer Koordinaten fix verorten liesse», meint der Sozialpsychologe Heiner Keupp.

Während Tschechien und Deutschland von den Wogen der Zeitgeschichte hin- und hergeworfen wurden, gondelte die verschonte Schweiz in meist ruhigem Fahrwasser dahin und war stolz auf ihren Sonderstatus, als ob sie diesen verdient hätte. Nur in der heilen Schweiz – wenn überhaupt – kann man den Heimat-Begriff 1.0 («Wir sind Schweiz – wir sorgen für unsere Heimat», Parteiprogramm SVP) noch weiterpflegen und zudem jeder Bürgerin und jedem Bürger einen sogenannten Heimatort zuweisen – international gesehen ein Unikum. 

Viel mehr Anlass zur Klärung des Zuhause-Seins wäre aber der Fakt, dass die Schweiz nach internationalen und wissenschaftlichen Standards seit längerem ein Einwanderungsland ist. Sie weist einen der höchsten Ausländeranteile weltweit auf, mit rund 2,5 Millionen ausländischen Einwohnerinnen und Einwohnern bei etwa 9 Millionen Gesamtbevölkerung, was einen Anteil von etwa 28% bedeutet. Die meisten Zugewanderten kommen aus den europäischen Nachbarländern. Hauptgründe für die Einwanderung sind Arbeit, Familiennachzug und Schutz vor Krieg und Verfolgung. Zu beachten ist: Die in der Öffentlichkeit (und in den Medien) präsente Fluchtmigration macht je nach Jahr etwa 10 bis 20% der Gesamtmigration aus. An erster Stelle steht aber die Arbeitsmigration mit über 70%. 

Womöglich ist die Frage nach Zuhause und Heimat also doch akuter, als man auf den ersten Blick annehmen mag. Denn für die etwa 2,5 Millionen Migrantinnen und Migranten, die in der Schweiz leben, stellt sich die Frage (und Aufgabe), wie sie sich in der Schweiz beheimaten (können) sehr dringlich und täglich. Warum wird dann der Heimatbegriff den rechtskonservativen Stammtischen überlassen?

Wie sähe eine Heimat 2.0 aus?

Pavel - 09:54 @ Philo-Blog | Kommentar hinzufügen

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