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Hier finden sich meine Blogposts aus den Jahren 2024 und 2025. Mein Blog ist ab Anfang 2026 umgezogen auf: blog.sinnkultur.art



30.05.2025

Heimweh – Wer hät’s erfunde? [Serie «Zuhause» – Teil 2/6]

Von Heimat und Heimatlosigkeit zum Heimweh: Nach meinem Blogpost zum Thema Heimat und Heimatlosigkeit (30.04.2025) stiess ich auf ein Essay der französischen Philosophin und Altphilologin Barbara Cassin: Nostalgie. Wann sind wir wirklich zu Hause? (frz. 2013; dt. 2023).

Cassin behauptet, dass wir Heimweh nicht eigentlich für eine Zeit, sondern für einen Ort empfinden: für eine Heimat, die man vermisst. Dies leitet sie aus der Begriffgeschichte von Nostalgie ab. Der Begriff ist eine Wortneuschöpfung des Basler Arztes Johannes Hofer, die dieser in seiner Dissertation von 1688 aus dem Altgriechischen νόστος (nostos) für «Rückkehr, Heimkehr» und ἄλγος (algos) für «Schmerz, Not, Trauer» bildete, um damit das bei Schweizer Söldnern in Frankreich auftretende krankhafte Heimweh zu bezeichnen. Heimweh, so Cassin, sei also eine Schweizer Erfindung: das schmerzhafte Vermissen eines geliebten Ortes.

Die Schweizer Krankheit – Morbus helveticus – ist gut dokumentiert, z. B. in Ulrich Bräkers Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg (1789). Bräker diente 1756 während des Siebenjährigen Krieges in der preussischen Armee, desertierte aber bereits im gleichen Jahr. «Ich war wie ein Gefangener, und mein Herz war voll Sehnsucht nach dem Tockenburg. Oft wünschte ich, ich könnte wie ein Vogel über die Berge fliegen, heim zu den Meinen.»

Eine bekanntere Quelle ist das Guggisberglied – das Schweizer Volkslied, welches die tragisch-romantische Geschichte einer unerfüllten Liebe im Dorf Guggisberg im Kanton Bern erzählt. Vreneli und Hans-Joggeli lieben sich, doch Vreneli soll auf Wunsch des reichen Bauern einen anderen heiraten. Es kommt zu einem Streit zwischen Hans-Joggeli und dem Nebenbuhler, wobei letzterer schwer verletzt wird. Hans-Joggeli glaubt, ihn getötet zu haben, und flieht in fremde Kriegsdienste. Zurück bleibt Vreneli, die an Liebeskummer und Sehnsucht zerbricht und schliesslich stirbt. Das Singen des Guggisberglieds war bei Schweizer Söldnern in französischen Diensten ab Mitte des 18. Jahrhunderts (bei Todesstrafe) verboten, weil es bei ihnen starkes Heimweh auslöste und die Gefahr von Desertionen bestand. Auf dem Guggisberger Dorfplatz wartet Vreneli noch heute als Brunnenfigur auf ihren Hans-Joggeli. Beim Guggisberglied vermischt sich Heim- mit Liebesweh, was es wohl noch stärker macht. Doch auch das Singen von Kuhreihen (Ranz de vaches), mit denen man in den Bergen die Kühe zum Melken ruft, war für Schweizer Söldner in Frankreich strengstens verboten.

Heimweh ist auch das zentrale Motiv in einem dritten Fall: Heidi, das weltbekannte Kinderbuch von Johanna Spyri – der Romanzweiteiler (1880/1881) ist das meistverbreitete Werk der Schweizer Literatur. Als Heidi nach Frankfurt gebracht wird, leidet sie so sehr unter der Trennung von den Alpen, dass sie krank wird. Der Arzt diagnostiziert explizit «Heimweh» und rät, sie zurück in die Heimat zu schicken, um ihr Leben zu retten. «Heimweh – Wer hät’s erfunde?»

Dass Heimweh nicht nur in der Schweizer, sondern auch in anderen Kulturen auftreten kann, zeigt gerade die Heidi-Rezeption in Japan. In der berühmten Anime-Adaptation (1974) von Isao Takahata, Hayao Miyazaki und Yōichi Kotabe wird das Heimweh-Motiv besonders betont und ist für das japanische Publikum ein prägendes Element der Geschichte. Die japanische Kultur kennt mit dem Begriff furusato (etwa «altes Heimatdorf») eine tiefe Sehnsucht nach dem Herkunftsort. Der Begriff meint aber auch generell einen Herzensort, mit dem Erinnerungen, Bräuche und vor allem tiefe Emotionen verbunden sind. Es kann sowohl vertraute Landschaften, Gerüche und Klänge der Kindheit als auch das Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit umfassen.

Ich war nicht ganz sechs, als wir von Prag aus in die Schweiz emigrierten. Ich weiss nicht, wann bei mir der Groschen fiel: Wir werden nicht zurückkehren, wir bleiben hier, in diesem neuen Land, mit vielen fremden Leuten, die eine andere Sprache sprechen. Ich weiss nicht, ob ich damals Heimweh empfand – wenn, dann eher nach den Grosseltern, die in Prag zurückgeblieben waren. Ich kann mich aber daran erinnern, wie ich als etwa Acht- oder Neunjähriger bei der Anfang der 1970er Jahre ausgestrahlten Fernsehserie mit Lassie mitlitt, dem wunderbaren Collie, der dem Jungen Sam gehört und von dessen Eltern in die Fremde nach Schottland, mehrere Hundert Kilometer entfernt, aus finanziellen Gründen an einen alten, griesgrämigem Lord verkauft wird. Die Serie fusst auf einer Erzählung des britisch-amerikanischen Autors Eric Knight von 1938: Lassie Come Home. Ich litt mit Lassie (und Sam), schwamm untröstlich in Tränen vor dem Fernseher. Ich spürte das Heimweh eines Hundes besser als mein eigenes. Oder vielleicht auch: Ich spürte mein eigenes Heimweh à l’aide de Lassie.

Zurück zu Cassin: Sie wohnt in Paris, fühlt sich aber nur in ihrem Ferienhaus auf Korsika zu Hause angekommen. In ihrem korsischen Haus ist sie chez soi, sie ist dort zu Hause, wo sie bei sich angekommen ist. Ich fühle mich, wie ich im letzten Post beschrieben habe, an ‹dünnen Orten› chez moi: in Flussauen, im tiefen oder hainigen Wald, auf einem Juragrat, in einem alpinen Hochtal über 2000 Höhenmetern, an Gletscherzungen. Dort fühle ich mich – mindestens für eine Zeit lang – aufgehoben, zur Ruhe gekommen, zu Hause. Und so spüre ich heute kein Heimweh nach Prag, sondern furusato nach diesen dünnen Orten, meinen Korsikas.

Pavel - 13:38 @ Philo-Blog | Kommentar hinzufügen

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